Was ist transpersonales Atmen?

Diese Art von Atmen ist eine Methode aus der transpersonalen Psychologie (Grof, 1985). Ziel ist es

  • durch das Atmen unbewusste, blockierte Energien wieder in Fluss zu bringen, welche in emotionalen und psychosomatischen Symptomen festgehalten sind, um sie in sinnvolle Erfahrungen umzuwandeln und
  • durch das Atmen in einen Trancezustand zu gelangen, welcher einen besseren Zugang zu Intuition, zu innerer Weisheit und Selbstverwirklichung ermöglicht.

Bei langandauernden Stressituationen und Traumata, wird die Energie blockiert, um den Schmerz in Grenzen zu halten (Levine, 1998). Das heisst aber auch, dass man im Leben nicht die volle Energie zur Verfügung hat. Der Atemprozesses bietet die Gelegneheit, sich voll und ganz den auftauchenden Gefühlen und körperlichen Empfindungen hinzugeben und sie ohne Bewertung z.B. in Bewegungen, Töne, Weinen, Lachen oder Schreien zu entladen und zu verarbeiten. Das Atmen findet normalerweise in einer Gruppe und mit Musik statt.

 

Setting und Ablauf einer Atemsitzung

 a) Atmende und Sitterin/ Sitter

Während dem Atemprozess ist man nicht alleine, ein Sitter oder eine Sitterin passt auf, dass man sich nicht verletzt und sorgt dafür, dass man alles hat, was man braucht (Wasser, Taschentücher etc.). Während eines Seminars nimmt man jeweils beide Rollen ein.

b) Musik

Eine Atemsitzung dauert ca. drei bis vier Stunden und wird von rhythmischer, aktiver Musik begleitet. Die Musik legt den Teppich und führt durch den Prozess. Eine Einzelsitzung dauert ca zweieinhalb Stunden.

c) Atmen

Atemtechniken finden sich sehr oft in spirituellen Praktiken. Denn durch den Atmen ist es ziemlich leicht, in veränderte Bewusstseinszustände zu gelangen, welche transpersonale Erfahrungen ermöglichen (Einheitserlebnisse, schamanische Initiationen, Erinnerung an frühere Leben etc.). Basismuster jedes spirituellen Weges ist dabei die Sehnsucht/ das tiefe Bedürfnis, nach Hause in die Einheit zu kommen.

Am Anfang des Prozesses wird während einiger Minuten tief und schnell geatmet (Hyperventilation). Dies kann blockierte Energien sehr schnell wieder in Fluss bringen. Während des Prozesses kann diese Atmung auch wiederholt werden, um sich durch neu auftauchende Themen hindurch zu atmen.

d) Körperarbeit

Fühlt man im Körper während des Atmens Blockaden, welche den Prozess stoppen, bietet sich Körperarbeit an, indem auf die schmerzenden Körperteile Gegendruck ausgeübt wird. Der Druck ist aber immer nur so gross, wie die Atmenden dagegen drücken und der Energie Luft verschaffen können. Oder der Körper kann sanft bewegt werden, wenn er sich starr anfühlt. Dadurch kommt der Prozess wieder ins Fliessen.

e) Sharing

Am Schluss des Prozesses haben die Atmenden Gelegenheit, ihre Erlebnisse aus dem Prozess zu malen und die Erfahrungen dann in einem Sharing (Integrationsrunde nach dem Atmen) den anderen zu erzählen. Wo nötig, können die Gruppenleitenden therapeutische Hinweise geben und Erfahrungen einordnen, um die Übersetzung in den Alltag zu gewährleisten.

 

Wirkungen des transpersonalen Atmens

Transpersonales Atmen führt zu Transformation oder Erfahrungen auf unterschiedlichen Ebenen:

  • Körperebene (z.B. Energie fliessen lassen, Körper (wieder) wahrnehmen)
  • Aufarbeitung biografischer Erlebnisse (Traumata, Vernachlässigung, Verlust von nahen Verwandten etc.)
  • Enttraumatisierung der Geburt (perinatale Matrizen und Erfahrungen von Tod und Wiedergeburt)
  • Transpersonale Erfahrungen (Erlebnisse, welche über das eigene Ich hinausgehen)


Geburt und perinatale Matrizen

Unsere Geburt ist uns normalerweise nicht bewusst zugänglich, trotzdem prägt sie in hohem Masse unsere Lebensmuster. Die Geburt ist aber neben dem Tod mit Sicherheit eines der einschneidensten Erlebnisse in unserem Leben. Bei der Geburt wirken fast übermenschliche Kräfte auf das Kind ein, welche die physischen Schmerzen so sehr ins Unermessliche steigern, dass sie unweigerlich mit dem Todesthema verbunden ist. Oft wird das Leiden beim Wiedererleben transzendiert und es wird das Leiden von ganzen Gruppen erlebt oder der ganzen Welt. Dies um so mehr, wenn es bei der Geburt zusätzlich Komplikationen gab. Wird die Geburt wiedererlebt, führt dies zu Erfahrungen von (Ego)-Tod und Wiedergeburt, was in der Regel durch existentielle Krisen begleitet wird, während der man nach der Bedeutung und dem Sinn der Existenz fragt, sowie eigene Werte und Lebensstrategien in Frage stellt. Dies wird in der Regel nur gelöst durch eigene spirituelle Dimensionen.

Die Geburtserfahrungen repräsentieren die wichtigste Verbindung zwischen dem individuellen und dem kollektiven Bewusstsein. Die Symbolik der Tod- und Wiedergeburts-Erfahrung findet sich fast in jeder Kultur in ihrer entsprechenden Form wieder. Diese Erfahrungen repräsentieren auch den Übergang der traditionellen zur transpersonalen Psychologie (Grof, 1985). Grof (1985) unterscheidet vier perinatale (vor, während und nach der Geburt) Matrizen und beobachtete die dazu gehörenden Symptome im Leben von Menschen, welche unbewusst in einer der Matrizen stecken geblieben sind.

 

Perinatale Matrix I

Basis dieser Erfahrung ist die symbiotische Einheit des Fötus mit dem mütterlichen Organismus in den Monaten vor der Geburt. Gibt es keine störenden Einflüsse, sind die Bedingungen fast ideal.
Mögliche Erfahrungen beim Wiedererleben, wenn diese Zeit ungestört war:

  • Ozeanische Gefühle
  • Kosmische Einheit
  • Fliegen im Weltall
  • Ekstatische Zustände
  • Schützende Mutter Natur in ihrer schönsten und nährendsten Erscheinung

Bei Störungen (Krankheit oder grosser Stress der Mutter, Medikamente, Abtreibungsversuche etc.):

  • Erlebnisse einer gefährlichen und bedrohlichen Wasserwelt
  • Vergiftete Flüsse
  • Verschmutzte Natur
  • Gefühl der Auflösung von Grenzen mit diffusem, paranoidem Unterton

Menschen, die in dieser Phase stecken geblieben sind, können zu Drogen- und Alkoholmissbrauch neigen, in der Sehnsucht nach den schönen Gefühlen dieser Zeit. Gegen Ende der Schwangerschaft wird es jedoch zunehmend ungemütlicher, da das Kind immer grösser wird.

 

Perinatale Matrix II

Die zweite Matrix ist der Beginn der biologischen Geburt. Die intrauterine Existenz wird als erstes durch chemische Signale gestört und dann durch die Wehen. Der Muttermund ist jedoch noch geschlossen. Es entstehen beim Kind überwältigende Gefühle von ansteigender Angst und Gewahrwerden einer lebensbedrohlichen Situation. Die Quelle der Gefahr kann jedoch nicht identifiziert werden, was auch zu paranoiden Zuständen führen kann.
Mögliche Erfahrungen beim Wiedererleben:

  • Strudel, von dem man am Schluss verschlungen wird
  • Angriff von monströsem Tintenfisch
  • Gefangen in klaustrophobischer, albtraumhafter Welt, in der man unmenschliche physische und psychische Folter erlebt
  • Gefangen im Netz einer übergrossen Tarantel
  • Kein Ausweg, Gefühle von Endlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit, Einsamkeit und Verzweiflung
  • Bilder/ Identifikation mit Menschen in Konzentrationslagern oder archetypisch mit Sisiphus oder Prometheus

Menschen, welche in dieser Phase stecken geblieben sind, tendieren zu Depressionen, sehen nichts mehr Positives in dieser Welt, sind Opfer ohne Aussicht auf Veränderung. Auf mythologischer Ebene ist es der Rauswurf aus dem Paradies, die dunkle Nacht der Seele und der Beginn der HeldInnenreise (Campell, 1999).

 

Perinatale Matrix III

Hier beginnt das zweite Stadium der biologischen Geburt, welches im Gegensatz zur zweiten Matrix durch eine Zusammenarbeit zwischen Mutter und Kind geprägt ist. Die Wehen gehen zwar weiter aber nun ist der Muttermund geöffnet und das Kind kann in den Geburtskanal eintreten und hat das Gefühl, es kann kämpfen. Im Geburtskanal erlebt das Kind einen zermalmenden Druck und Kräfte bis zu 50kg wirken von allen Seiten auf es ein. In dieser Phase kommt es zum Tod- und Wiedergeburtskampf. Die Situation ist aber nicht mehr ausweglos wie in der zweiten Matrix, sondern das Kind erlebt sich als aktiv im Kampf ums Überleben. Insbesondere am Schluss kommt es hier in engen Kontakt mit Blut, Schleim, Urin und Fäkalien. Hier finden sich gegensätzliche Extreme von Todeskampf und vulkanischer Ekstase.

Mögliche Erfahrungen, die hier gemacht werden:

  • Titanischer Überlebenskampf mit Gefühlen von Ersticken
  • Erleben von Krieg
  • Sadomasochistische Erfahrungen
  • Folter, Mord, Vergewaltigung
  • Intensive sexuelle Erregung
  • Erfahrungen von Feuer (möglicherweise durch Reibung im Geburtskanal), Hitze und Vulkanen
  • Erleben von Stromschlägen (Wehen)
  • Erleben von Erdbeben, Tornados
  • Erlebnisse gefährlicher Abenteuer
  • Auf mythologischer Ebene: Kampf zwischen Gut und Böse; schwarze Magie und Dämonen (z.B. Walpurgisnacht, satanische Orgien)
  • Gefühl, Exkremente zu schlucken oder sich darin zu wälzen, Fäulnis

Der sadomasochistische Aspekt reflektiert die wahrgenommene Aggression durch die Wehen und die biologische Wut des Kindes als Antwort auf Ersticken, Schmerz und Angst. Es fühlt sich sowohl als Opfer wie auch als Täter/in.
Sexuelle Komponente: Beobachtungen belegen, dass Erstickung und unmenschliches Leiden eine intensive Form sexueller Erregung hervorrufen können. Ein übermässiger Sexualtrieb wird dann verbunden mit Tod, Gefahr, Aggression, biologischem Material wie Fäkalien und verzerrten spirituellen Tendenzen. Diese Verbindung ist zentral für das Verständnis sexueller Abweichungen.

Menschen, die in dieser Phase stecken geblieben sind, können eine Vielzahl von sexuell abweichenden Verhalten oder Phantasien mit sadomasochistischen Tendenzen aufweisen und sich absichtlich in Gefahr bringen.

 

Perinatale Matrix IV

Hier findet die eigentliche Geburt statt, welche gekennzeichnet ist durch plötzliche Erleichterung und Entspannung. Auf symbolischer Ebene bedeutet es das Ende der Tod- und Wiedergeburtserfahrung. Der Übergang von der dritten in die vierte Phase involviert das Gefühl der Vernichtung, alles ist nun anders. Das Kind muss selber atmen, essen, verdauen, es ist nicht mehr dunkel. Auf spiritueller Ebene verkörpert diese Erfahrung den Egotod. Alle vorangehenden Referenzpunkte werden ausgelöscht. Auf archetypischer Ebene entspricht dies dem Phönix. Die alte Form wird in Schutt und Asche gelegt und eine neue entsteht. Auf die totale Vernichtung folgt dann häufig ein Licht in übernatürlicher Schönheit oder es zeigt sich die aufblühende Natur nach einem Sturm.
Mögliche Erfahrungen auf dieser Ebene:

  • Erleben eines tiefen Gefühls spiritueller Befreiung und Errettung
  • Positive Gefühle sich selbst und der Welt gegenüber
  • Welt als schöner und sicherer Ort

Zu dieser Phase gehört aber auch die traumatische Erfahrung, wenn das Kind direkt nach der Geburt von der Mutter getrennt wird (s. auch Festhaltetherapie). Auch die meistens zu frühe Durchtrennung der Nabelschnur, welche dramatische physische Veränderungen zur Folge hat und Schmerzen verursacht, kann zu Todesangst und Erstickungsgefühlen führen.

Falls der Übergang von der dritten in die vierte Matrix nicht ganz gelingt, kann dies dazu führen, dass man sich physisch und emotional extrem unter Druck fühlt, der nicht gelöst werden kann. Personen, welche sich in diesem Zustand befinden, bezeichnen sich selbst als Zeitbombe, die jederzeit explodieren kann. Personen in diesem Übergang haben häufig eine manisch-depressive Tendenz.

 

Transpersonale Erlebnisse

Die individuelle Geschichte ist biografischer Natur, die perinatalen Erfahrungen repräsentieren eine Verbindung zwischen individuellen Erfahrungen und transpersonalen und dann gibt es noch die rein transpersonalen.
Transpersonale Erfahrungen sind beispielsweise:

  • Identifikation mit anderen Menschen oder Rassen
  • Identifikation mit Pflanzen oder Tieren
  • Erfahrungen historischer Ereignisse auch wenn man davon nichts gewusst hat (stimmt oft bis ins Detail überein)
  • Erlebnisse mit spiritueller Führung/Geistwesen
  • Ausserkörperliche Erfahrungen, Telepathie
  • Aktivierung der Kundalini-Energie, ekstatische Gefühle
  • Erinnerung an frühere Leben
  • Schamanische Initiationen
  • Einheits- und Gotteserfahrungen aus den unterschiedlichsten Kulturen

Transpersonale Erfahrungen zeigen die Verbindung zwischen dem Individuum und dem Kosmos auf. Solche Erfahrungen hatten lange in westlichen psychologischen Ansätzen keinen Platz, weshalb östliche Richtungen wie beispielsweise der Buddhismus mit seinen Meditations- und Yoga- Praktiken bei uns heute weit verbreitet sind. Werden transpersonale Erfahrungen nicht erkannt oder als psychotisch eingestuft, kann dies zu spirituellen Krisen führen (Grof, 2008).
Grof (1984) und Wilber (1977, 2007) haben schon früh den Versuch unternommen, unterschiedliche westliche Modelle zu formulieren, wo solche Erfahrungen auch Platz haben.

 

Transpersonales Atmen ist nicht zu empfehlen bei

  • Asthma (nur mit Inhalator)
  • Herzproblemen
  • Osteoporose (keine Körperarbeit)
  • Epilepsie
  • Schwangerschaft
  • Glaukom (grüner Star)

 

Literatur:

Campell, J. (1999). Der Heros in tausend Gestalten. Frankfurt am Main: Insel Verlag.
Grof, St. (1985). Beyond the brain. Albany NY: New York Press.
Grof St. & Grof Ch. (2008). Spirituelle Krisen. Darmstadt: Schirner Verlag.
Grof, St. (2006). Das Abenteuer der Selbstentdeckung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.
Grof, St. (2008). Impossible- wenn Unglaubliches passiert. München: Kösel.
Grof, St. (2009). Holotropic Research and Archetypal Astrology. Archai: The Journal of Archetypal Cosmology, 1 (1), 50-66.
Levine, P.A. (1998). Trauma-Heilung. Essen: Synthesis.
Wilber, K. (1977). The Spectrum of Consciousness. The theosophical Publ. House.
Wilber, K. (2007). Integral Spirituality. Boston & London: Integral books.