Traumatische Erlebnisse und Stressreaktionen

Bei traumatischen Erlebnissen (z.B. Vernachlässigung und Missbrauch in der Kindheit, schwere Geburten, Unfälle, Vergewaltigungen) setzt der Körper eine Verteidigungs-Kaskade in Gang:

 

todesangst

 

Bei jedem traumatischen Erlebnis wird zusätzliche Energie über die Ausschüttung von Stresshormonen mobilisiert (Sympathikus). Sind aber in einer Situation weder Flucht noch Kampf möglich, kommt es zu Todesangst. Da man an der eigenen Übererregung oder an unerträglichen Schmerzen sterben könnte, beginnt ein Prozess der Dissoziation, das heisst, eine Trennung von Körper, Seele und Geist. Daraus resultieren Erstarrung, zunehmende Gefühllosigkeit und schliesslich Erschlaffung der Muskulatur bis hin zu Ohnmacht (Parasympathikus).

 

Langristige Auswirkungen von traumatischen Erlebnissen

Zur ersten Gruppe gehören die Sympathikus-dominierten Stressreaktionen, welche sich auf den roten Pfeil der Verteidigungs-Kaskade beziehen:

Flashbacks: Ein traumatisches Erlebnis führt zu sehr vielen und intensiven Verknüpfungen von Sinneswahrnehmungen und Gefühlen -> dadurch entsteht eine Furchtstruktur. Wird nach dem Erlebnis auch nur eine Wahrnehmung durch äussere oder innere Reize ausgelöst, wird häufig die gesamte Furchtstruktur aktiviert und Flashbacks sind die Folge. Man hat dann das Gefühl wieder im traumatischen Erlebnis zu sein, Todesangst und Panikattacken sind häufig die Folge oder das Gefühl, verrückt zu werden.

Vermeidung: Mit der Zeit weiss man, welche Reize zu schmerzhaften Reaktionen führen und lernt, sie zu vermeiden, was im Extremfall dazu führen kann, dass man gar nicht mehr aus dem Haus geht.

Physische Übererregung: äussert sich z.B. in Reizbarkeit, Konzentrations-, Schlaf-, Verdauungsstörungen oder Kopfschmerzen. Die physische Überregung kann nach einem traumatischen Erlebnis so gross sein, dass mit der Zeit sogar positive Emotionen vermieden werden, da auch sie einen Alarmzustand auslösen können. Dies kann bis zu emotionaler Taubheit führen.

Zur zweiten Gruppe gehören die Parasympathikus-dominierten Symptome und beziehen sich auf den schwarzen Pfeil der Verteidigungs-Kaskade. Diese Stress-Reaktionen treten insbesondere bei Menschen auf, welche während ihrer Kindheit körperlich und seelisch misshandelt oder vernachlässigt worden sind. Wenn ein Kind in eine Familie geboren wird, in der es abgelehnt wird und die Erfüllung der kindlichen Bedürfnisse nach Körperkontakt, Nahrung, Liebe, Zugehörigkeit, emotionale Zuwendung oder emotionalem Halt ignoriert werden, sind Entwicklungs-Traumata die Folge. Denn wir werden nicht mit der Fähigkeit geboren, unsere Stressreaktionen selbst regulieren zu können. Dafür brauchen wir verlässliche und einfühlsame Bezugspersonen, damit wir als Säuglinge und Kleinkinder nach und nach lernen, uns selbst zu regulieren.

Die Stress-Reaktionen die daraus resultieren sind vielschichtig und umfassen Identitätsprobleme, emotionale Instabilität, Suchtmittelkonsum und süchtige Verhaltensweisen, Ängste jeder Art und vor allem Beziehungsprobleme. Gleichzeitig können aber auch alle Stress-Reaktionen der ersten Gruppe auftreten.

 

Verarbeitung von Traumata und Stressreaktionen

Während traumatischen Erlebnissen wird die Zusammenarbeit verschiedener Regionen im Gehirn durch Stresshormone massiv beeinträchtigt. Bei einem Entwicklungs-Trauma kann sich diese Zusammenarbeit erst gar nicht optimal entwickeln, woraus neben den oben beschriebenen Stressreaktionen häufig auch Aufmerksamkeits- und Lerndefizite entstehen. Gefühle und Sinneseindrücke (Amygdala/Angstzentrum im limbischen System) werden nicht (mehr) entsprechend mit dem Hippocampus vernetzt, dem Sitz des autobiografischen Gedächtnisses (ebenfalls im limbischen System). Dadurch entsteht trotz intensivsten Sinneswahrnehmungen Sprachlosigkeit. Die traumatischen Ereignisse werden deshalb auch nicht in Raum und Zeit repräsentiert, wodurch nicht zwischen Vergangenheit und Gegenwart unterschieden werden kann. Das heisst, der Körper hat das Gefühl, weiterhin massiv bedroht zu sein, sobald irgendwelche Reize an das Trauma erinnern, resp. die Furchtstruktur aktivieren.

Methoden, welche dabei unterstützen, das Trauma als vergangen zu begreifen, gelten heute als die wirkungsvollsten. Der Kern der Wirksamkeit liegt im

  • kontrollierten Wiedererleben aller mit dem Trauma verbundenen Gefühle und Wahrnehmungen, insbesondere durch Lösung/Entladung von Blockaden im Körper sowie dem
  • Benennen der Gefühle und Sinneseindrücke, was zu einer Vernetzung mit dem autobiografischen Gedächtnis führt und dadurch zu einer Verankerung bezüglich Raum und Zeit  das Trauma kann dann als vergangen wahrgenommen werden und die Stress-Reaktionen nehmen nach und nach ab.

Shiatsu und Transpersonales Atmen ermöglichen, einen Zugang zu den verdrängten Gefühlen zu schaffen, indem Blockaden und gestaute Energien im Körper wieder zu sinnvollen Erfahrungen umgewandelt werden. Neurofeedback schafft die Grundlage für eine gesunde Stressregulation und Familien-Aufstellungen helfen, familiäre Verstrickungen zu lösen, um traumatisierende Erlebnisse in der Kindheit einzuordnen zu können.

 

Literatur:

Foa, E.B., Hembree, E., Rothbaum, B. (2014). Handbuch der prolongierten Exposition. Lichtenau: Probst Verlag.
Hüther, G. (2009). Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Keleman, St. (1995). Verkörperte Gefühle. München: Kösel Verlag.
LaPierre, A., Heller, L. (2013). Entwicklungstrauma heilen. München: Kösel Verlag.
Levine, P.A. (1998). Trauma-Heilung. Essen: Synthesis.
Ruppert, F. (2012). Trauma, Angst und Liebe. Unterwegs zu gesunder Eigenständigkeit. München: Kösel
Pace, P. (2007). Lifespan Integration. Connecting Ego States through time. ISBN: 0-9760603-4-5
Schauer, M., Neuner, F., Elbert, T. (2005). Narrative Exposure Therapy: A Short-Term Intervention for Traumatic Stress Disorder after War, Terror, or Torture. Göttingen: Hogrefe & Huber Publishers.